Antibiotika in der Geflügelzucht – Auswirkungen für die Rohfütterung?

Neu ist die Diskussion um Antibiotika in der Massentierhaltung nicht, die gestern durch den BUND veröffentlichte Studie zeigt allerdings alarmierende Zahlen auf: Bei 20 Stichproben-Untersuchungen von Hähnchenfrischfleisch der drei grössten Hähnchenproduzenten, gekauft in verschiedenen Discountern, wurden bei jeder zweiten Probe Antiobiotikaresistente Keime festgestellt.
Auch wenn es sich nur um Stichproben handelt: Die Folgen des flächendeckenden Einsatzes von Antibiotika in der Agrarindustrie werden mehr als deutlich.

Die Gefahr der Verbreitung antibiotika-resistenter Keime ist nicht nur in der Humanmedizin ein brisantes Thema.  Auch Barfer sollten sich über die Tatsache im Klaren sein, dass Fleisch aus Discountern sowie nicht weiter definierten Quellen in der Regel aus Mastfabriken stammt, wo Antibiotika oftmals in grossen Mengen und auch bei gesunden Tieren angewendet werden. Durch die Enge, die nicht artgerechte Haltung und die Masse der Tiere steigt der Infektionsdruck enorm, so dass Antibiotika das Mittel der Wahl sind, um eine grösstmögliche Anzahl von Tieren bis zum Schlachtalter überhaupt durchzubringen und so trotz Tiefstpreisen beim Fleisch grösstmöglichen Gewinn zu erzielen.

Dadurch entstehen zwei wesentliche Probleme: Zum einen kann das Fleisch Antibiotika-Rückstände aufweisen. Bevor Fleisch für den menschlichen Verzehr freigegeben wird, muss eine Untersuchung auf eben diese Rückstände stattfinden, für die es EU-einheitliche Grenzwerte gibt. Das heisst, das Risiko beim Kauf von Fleisch, das für den menschlichen Verzehr frei gegeben wurde, sollte gering sein. Sollte, wohlgemerkt, denn in der Vergangenheit wurden immer wieder Fälle bekannt, in denen die zulässigen Höchstwerte überschritten wurden.
Auch wenn die Wissenschaft mehrheitlich davon ausgeht, dass der vereinzelte Verzehr von Fleisch, dass erhöhte Antibiotika-Rückstände aufweist, keine schädigenden Auswirkungen hat – die Möglichkeit besteht, dass sich durch den Verzehr im Darm resistente Bakterien entwickeln. Darüber hinaus kann die Darmflora gestört werden, beim Menschen wurden in seltenen Fällen auch allergische Reaktionen (Penicillin) beobachtet.

Der andere Punkt ist, dass auch das Fleisch für den menschlichen Verzehr bislang nicht standardmäßig auf antibiotika-resistente Keime untersucht werden muss.
Infektionen, die durch diese Keime ausgelöst werden, sprechen nicht mehr auf die Behandlung mit Antibiotika an, so dass Erkrankungen schwerer verlaufen können, bis hin zur Todesfolge und generell langwieriger zu behandeln sind.
Zwar beziehen sich die gemachten Untersuchungen in erster Linie auf die Auswirkungen beim Menschen, man kann jedoch davon ausgehen, dass die Ergebnisse zumindest in ähnlicher Form auf Hund oder Katze übertragbar sind.  Denn auch bei Hunden und Katzen gibt es Infektionen mit resistenten bzw. multiresistenten Erregern, die mit Antibiotika nicht mehr zu bekämpfen sind. Letztlich besteht auch hier die Möglichkeit, dass Menschen so mit resistenten Keimen in Berührung kommen.

Wie kann man sich und sein Tier schützen?

Zum einen sollten selbstverständlich alle üblichen Hygiene-Maßnahmen eingehalten werden, die grundsätzlich bei der Verarbeitung von rohem (Geflügel-) Fleisch gelten.
Noch viel wichtiger allerdings: Das Fleisch aus sogenannten Mastfabriken meiden, nicht zuletzt aus ethischen Gründen. In jedem Fall darauf achten, dass das gefütterte Rohfleisch veterinärmedinisch untersucht wurde. Bei Fleisch, dessen Herkunft nicht nachvollziehbar ist, lieber Vorsicht walten lassen. Auf Wochenmärkten, im Einzelhandel, beim Metzger: Wenn die Herkunft unbekannt ist, nachfragen. Ein Indiz ist auch der Preis:Fleisch, das nicht aus Massentierhaltung stammt, muss zwangsläufig teurer sein, das sollte man sich verdeutlichen. Die Tiere werden länger aufgezogen, gefüttert, nehmen mehr Platz ein, so dass gesamt weniger Tiere pro Erzeuger gehalten werden. Das verursacht logischerweise höhere Kosten. Umgekehrt gilt also: Je billiger das Fleisch, desto wahrscheinlicher ist, dass es auch billig produziert wurde. Und noch ein Hinweis in eigener Sache: das von uns vertriebene Fleisch von Paul & Paulina entstammt ausschließlich regionalen Betrieben in Niederbayern. Massentierhaltung und lange Transportwege zum Schlachthof werden nicht von uns unterstützt.

Wie sieht es bei Bio-Fleisch aus?

Grundsätzlich dürfen auch bei Tieren aus biologischer Haltung im Krankheitsfall Antibiotika verabreicht werden. Die Richtlinien für die Behandlung mit Medikamenten sind strenger als bei konventionell gehaltenen Nutztieren, das Regelwerk der einzelnen Bio-Verbände bzw. der EU-Richtlinien weicht teilweise etwas voneinander ab. Die vom BUND veröffentlichten Ergebnisse der Stichproben beinhalteten leider keine Untersuchung von Bio-oder Neuland-Fleisch.

Da die Tiere aus Bio-oder Neuland-Haltung jedoch mehr Platz zu Verfügung haben, weil die maximale Tierzahl pro m² Fläche beschränkt ist, ist der Infektionsdruck bei Erkrankung eines einzelnen Tieres für den restlichen Bestand geringer, der BUND geht daher von einem geringeren Risiko für die Entstehung von Antibiotika-resistenten Keimen aus.

Können die Keime durch Hitze unschädlich gemacht werden?

Ja. Derzeit wird davon ausgegangen, dass eine Erhitzung von über 70 Grad Celsius für wenige Minuten ausreicht, um die Keime zu inaktivieren.
Natürlich könnte man nun sagen, dass man (Geflügel-)Fleisch nun einfach kochen soll statt roh füttern (Findige Spezis werden wahrscheinlich den Weg zurück zum Fertigfutter vorschlagen) – kann man, muss man aber nicht. Wenn man die Fleischquellen im Blick behält und die Hygienemaßnahmen beachtet, kann das Risiko für Mensch und Tier reduziert werden.
Die tatsächliche Problematik ist aber wohl die Tatsache, dass die Produktion immer günstigerer tierischer Nahrungsmittel in erster Instanz zu Lasten des Tieres gehen,  die Folgen selbstverständlich aber früher oder später beim Menschen ankommen.

Weiterführende Links:
Schöner Kommentar dazu in der Süddeutschen: http://bit.ly/xoYt7r

Die komplette Studie des BUND steht hier zum Download bereit: http://www.bund.net/antibiotika-resistenzen

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